Wie das Wundern in zehn Jahren rückläufig war

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Hallo zusammen!

dorp10Eben telefonierte ich noch mit unserem DORP’schen Matthias und wir sprachen, unter anderem, auch darüber, wie sich so das Feeling bezüglich Rollenspielen geändert hat. Wohlgemerkt nicht das Gefühl am Spieltisch; das auch, aber das sei ein anderes Mal hier Thema. Vielmehr das Gefühl, dass wir den Spielen selbst gegenüberbringen.

Ein Schritt zurück. Vor zehn Jahren, willkürlich in der Entwicklung aber stimmig im Sinne unseres Jubiläumsjahres, ging von Rollenspielen unbestreitbar eine ganz mystische Faszination auf uns aus. Man ging in Hobby-Läden oder auch einfach das lokale Spielzeuggeschäft und bestaunte, nicht ohne Ehrfurcht, was da so an Büchern zu finden war. Die Möglichkeiten, einen Gesamtüberblick zu erlangen, waren damals ja noch sehr eingeschränkt, denn zumindest für die, die nicht im harten Newsgroup-Kern saßen, war das Internet in Sachen Rollenspiel ja auch noch sehr unerschlossen.
Ich weiß noch, wie ich, noch mal drei Jahre früher – der geneigte Schreiberling war zwölf oder dreizehn Jahre alt – mit meinem Vater nach Euskirchen fuhr. Auch keine „Stadt“, aber größer als unser Eifelstädtchen allemal. Dort fanden wir einen Laden, der auch DSA führte … und mich regelrecht entführte, denn die meisten Produkte dort kannte ich nicht einmal vom Namen her! Wenn ich mich recht entsinne, war dann „Das Land des schwarzen Auges“ damals mein Pfand…
Noch stärker erlebte ich das, als ich vor etwa acht Jahren über Matthias Magus-Runde den Einstieg in die WoD wagte. Ein unbekanntes Wesen und von jedem Buch ging eine ganz neue, unbekannte Mystik aus. Das Gefühl, über diese mir so fremden Bücher damals – vor allem die Bücher „der Schatten“, „der Welten“ und „der Spiegel“ – eine ganz neue Welt kennen zu lernen, war unbeschreiblich.
Der Thread, in dem Matthias und ich damals in einem lokalen Forum die ganze Metaebene des Settings diskutierten, maß am Ende unseres Tuns über 60 Seiten à zehn Postings von denen glaube ich keines auf eine (oder auch nur zwei) Bildschirmlängen passte. Jedenfalls mit damaligen Auflösungen nicht.
All das, es hatte damals Magie.

Als wir das „Shadowrun“-Regelwerk erstmals lasen, selige zweite Edition, und zweifelnd auf diese überaus ominöse Granatanschadenprojektionsübersicht schauten, dann ging das in die Richtung. Aber nicht annähernd so „in die Richtung“ wie spätere Momente, in denen neue Quellenbücher erworben wurden, einige der Gruppe bis dahin vielleicht nicht mal bekannt, und damit das Setting massiv erweitert wurde.
Wir lasen etwa die „WunderWelten“ und schauten ganz fasziniert auf Rezensionen, die Produkte vorstellten, bei denen wir nicht mal eine Idee hatten, wie man sie überhaupt erwerben könnte. Und ohne beispielsweise die Rezensionen eines Dr. Rainer Nagel oder Oliver Hoffmann dort würde ich heute vermutlich keine Rezensionen verfassen.

Heute ist dieses Gefühl zu großen Teilen weg. DSA hat sich ein eigenes, anderes Gefühl von Heimat erkämpft, aber insgesamt ist diese Verwunderung einfach aus unseren Köpfen gewichen. Natürlich ist das bei uns auch nicht ganz die Regelsituation. Mit einer eigenen Webseite, Blog, Filmproduktion und allem, sowie Freelancer-Veröffentlichungen in Pegasus‘ CW haben wir uns natürlich selbst zu einem gewissen Maße dekonstruiert.
Aber auch sonst habe ich eigentlich das Gefühl, das diese Faszination erlischt. Vielleicht liegt es daran, dass die Informationen einfach zu greifbar sind. Ich muss mich nicht mehr über Nächte mit Freunden darüber austauschen, ob sie vielleicht wissen, ob die Information X eigentlich schon mal erwähnt wurde. Entweder ich google es mir, schaue in Foren oder einfach auf die Seite des Verlages. Manchmal, wenn ich etwa im LiveJournal von White Wolf lese, dann keimt in mir noch ein Fünkchen dieses alten Gefühl auf, etwa wenn enigmatische Ankündigungen gemacht werden, was noch an Produkten kommen könnte. Aber es ist nicht mehr das gleiche Enigma, mit dem ich etwa noch im „Buch der Spiegel“ damals las. Oder im „Secret Societies of Barsaive“. Oder mit dem ich erstaunt verfolgte, was aus der „Universellen Bruderschaft“ wurde.

Auch sicherlich ein Einfluss ist dabei das Internet in dem Sinne, dass es die Macher greifbarer gemacht hat. Und dass es potentiellen Miesmachern zugleich ein wunderbares Forum bietet.
Einfach Produkte stillschweigend zu genießen (oder, wenn es mal Mist ist wie sicher auch so manches bei Magus damals („Dead Magic“ kommt mir in den Sinn), es einfach innerlich abhaken) ist eigentlich nur noch abseits der Foren möglich.
Andererseits mag ich die Foren, die Blogs, die Web- und Infoseiten. Betreibe ja selber genug davon. Nur komme ich irgendwie immer mehr zu dem Schluss, dass dabei eine sehr, sehr traditionelle Entwicklung stattgefunden hat – die Magie wurde der Aufklärung geopfert.

Man fragt sich, ob die Retrowelle, die sich derzeit anbahnt, auch die Jagd anderer nach ihrer verlorenen Jugend ist. Und ob man nicht mitjagen sollte.
Ich will sicherlich nicht mehr auf die modernen Produktionsstandards verzichten und auch auf keine der neueren Instanzen, die sich geformt haben. Aber es wäre schön, dieses Kribbeln zurück zu bekommen.

Das, was aber wirklich drastisch ist für mich, ist der Eindruck, dass der Nachwuchs dieses Kribbeln gar nicht mehr kennen lernt. Die offen stehenden Münder, die aufgerissenen Augen, nichts davon ist mehr zu sehen. Abgeklärt ist das richtige Wort um zu beschreiben, wie die wenigen, die noch zum Hobby zu finden scheinen, vor der Auslegeware stehen.
Ich bin mir bewusst, dass das vermutlich in mehrerlei Hinsicht ein empirisch nicht ausreichend gesicherter, subjektiver Eindruck ist. Einige Leserzuschriften geben mir sogar bisweilen das gute Gefühl, dass man teilweise auch uns mit diesem Hauch von Magie rezipiert. Die ganze Zeit schon frage ich mich, wohin wir mit der DORP eigentlich steuern können. Was ist die Richtung, in die wir den alten Kahn lenken können?

Vielleicht kann man ja diese alte Magie doch wiederbeleben so wie es die Romantik mit der Phantastik am Ende der Aufklärung getan hat.
Ich weiß nur noch nicht ganz wie…

Viele Grüße,
Thomas

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4 Antworten to “Wie das Wundern in zehn Jahren rückläufig war”

  1. greifenklaue Says:

    Ich kenne genau dieses Kribbeln, diese Mystik, die Du meinst und verspüre ab und an noch ein kleines bißerl davon, wenn ich durch die Retrowellen treibe… Aber nur noch einen Bruchteil.

  2. cyberpunk2020 Says:

    Seufz. Ob du Recht hast oder alles nur eine Frage des höheren Alters ist – egal, ein Teil des Kribbelns ist weg. Da stimme ich dir zu. Beim Lesen von Regelwerken spüre ich es nicht mehr – aber beim spielen. Und beim Leiten.

  3. Joni Says:

    Das erinnert mich daran, als wir dreizehn, vierzehn Jahre alt waren und im örtlichen Rollenspielladen standen. Wir legten unser Geld zusammen – jeder opferte zehn Mark – und kauften das AD&D-Spielerhandbuch. Ich sollte spielleiten. Also saß ich Abends bis tief in die Nacht zuhause, las darin und lernte die tollen neuen Möglichkeiten, die wir noch gar nicht kannten, kennen. Hach war das schön, ich weiß genau, was du meinst. Schöner Artikel 🙂

  4. Javen Says:

    Tja Thomas, ich weiß, was du meinst. Geht mir nicht anders.
    Es ist wirklich diese Aufklärung und natürlich auch das Erwachsen werden, was die Magie leider in den Hintergrund gedrängt hat.
    Wenn ich mal an meine Anfänge mich zurück erinnere, wo es noch kein Internet gab und die WunderWelten verschlungen wurde und man beinahe täglich im Rollenspielladen stand und nach Neuigkeiten lechzte. Heutzutage ist man vielleicht zu gut informiert.

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